Kroatien ist die eigentliche “Mannschaft”

Der Überraschungsfinalist verkörpert jenen Teamgedanken, den die deutsche Elf nur auf ihren Bus gedruckt hatte.

Sie lagen in allen drei K.-o.-Spielen dieser WM 0:1 zurück – und stehen trotzdem im Finale. Sie mussten im Halbfinale gegen England zum dritten Mal in Serie in die Verlängerung – und waren körperlich und mental trotzdem frischer. Kroatiens Nationalelf kann sich erstmals die Fußball-Krone der Welt aufsetzen, weil sie ihre Grenzen verschoben hat.

Die kroatische Fußball-Nationalmannschaft. Foto: Efrem Lukatsky

„Ich habe ab der 60. Minute vielen meiner Spieler einen Wechsel angeboten – aber keiner von ihnen wollte raus. Genau das zeigt den Charakter unserer Mannschaft, unseres Landes. Wir sind Leute, die niemals aufgeben“, sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic nach dem 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen England. Aber wer will es ihm verdenken? Der Mann feiert gerade den mit Abstand größten Erfolg seines fußballerischen Lebens.

 

Die WM 1998 erlebte der heutige Trainer als Fan auf der Tribüne

Als aktiver Profi war der heute 51-Jährige nie in die erste Reihe vorgestoßen: Den Triumph bei der WM in Frankreich, als seine Landsleute auch das Halbfinale erreichten, erlebte er als Fan auf der Tribüne – bei den Vorrundenspielen. „Danach musste ich nach Hause, weil bei meinem Klub NK Varazdin die Vorbereitung anfing“, erinnerte sich Dalic an das Jahr 1998.

Nun, 20 Jahre später, schließt sich für ihn ein Kreis – er hat er ihn sogar durchbrochen. Dalic steht gegen Frankreich als Coach seines Heimatlandes im WM-Finale: Das hat noch niemand vor ihm geschafft. Wie ihm das gelang, dem Nationaltrainer-Novizen, der das Amt erst im Oktober 2017 übernahm, nachdem er sich zuvor über Jahre an der Linie von Fußballplätzen im arabischen Raum einen Namen gemacht hatte? „Mein Gedanke ist: Ich kann diesen Leuten nicht Fußball erklären. Das sind überragende Kicker, die wissen alles über das Spiel. Nein: Ich bin gekommen, um etwas anderes zu machen“, erklärte Dalic. Es sei darum gegangen, die mentalen Stärken aller freizulegen, Charakter zu entwickeln und großartige Solokünstler zu fokussieren auf das große gemeinsame Ziel: Mit Teamgeist zum WM-Titel.

Nun ist er fast am Ziel: Dieser Mann, der mit seinen tiefschwarzen halblangen Haaren und dem eher dunklen Teint ein wenig wirkt wie eine Mischung aus Roger Federer und Bruno Labbadia – und der Elemente dessen in sich trägt, die man als Erfolgsgeheimnis dieser Sportgrößen bezeichnen kann.

Die Individualisten ergänzen sich zu einer großartigen Elf

Und jetzt Finale: Mario Mandzukic (Mitte) jubelt mit Josip Pivaric (links) und Ivan Perisic. (Foto: dpa)

Sucht man Schwächen in dieser kroatischen Elf, kommt man nur auf eine kleine Liste: die Schnelligkeit der Abwehrspieler vielleicht und ab und an fehlende Übersicht und Technik bei den Außenverteidigern Sime Vrsaljko und Ivan Strinic. Sonst aber ergänzen sich großartige Individualisten zu einer Elf mit vielfältigen Stärken: Die überragenden Fähigkeiten in der Spiellenkung von Ivan Rakitic und vor allem Luka Modric, die Abgezocktheit des Stoßstürmers Mario Mandzukic, die Unberechenbarkeit des Flügelflitzers Ante Rebic, den Eintracht Frankfurt über diese WM hinaus kaum halten können dürfte. Sucht man aber die Personifikation des riesigen Willens der Elf, landet man bei Ivan Perisic. Wer den Ex-Dortmunder und Wolfsburger in der ersten Hälfte gegen England über den Platz hat schleichen sehen, musste fast schon zur Erkenntnis kommen: Der 29-Jährige von Inter Mailand ist platt, hat keine Kraft mehr nach dieser anstrengenden WM. Dann aber zeigte er eine unglaubliche Leistungsexplosion: Erst sein Ausgleich zum 1:1 mit einem Karatesprung voller Willenskraft an der Grenze zur Legalität, dann ein Pfostenschuss nach einer seiner Energie-Einzelleistungen, schließlich die Vorbereitung des Siegtreffers mit einem gewonnenen Kopfballduell in der 109. Minute.

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